Die Rathausschlange

Die Rathausschlange

Wegen des Bezuges zur Weisheit der Schlange heißt es, dieses wäre traditionell die Lieblingslegende des Rostocker Oberbürgermeisters.

Die heute bronzene Schlange an der nördlichsten Eingangs-Doppelsäule des Rathausvorbaus am Neuen Markt bewahrt noch immer das Geheimnis ihrer Herkunft. Mitten im Herzen der Hansestadt “lebt“ sie eher unauffällig.

Schlangen symbolisieren durch ihre alljährlichen Häutungen Unsterblichkeit. So einige „Häutungen“ und Verjüngungskuren hat das Rostocker Tier schon hinter sich. Der barocke Vorbau des Rathauses stammt aus den Jahren 1727/ 29. Erste mündliche Überlieferungen zur Schlange reichen aber nur bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Über 130 Jahre ist das Reptil mit Sicherheit alt, da der Heimatforscher und Rostocker Stadtarchivar Ludwig Krause (1863-1924) es im Jahre 1882 gezeichnet hat. Damals ringelte sich die Schlange, aus einer Kalkmasse gefertigt, noch komplett um die Säule.

1927 wurde die Rathausfassade gestrichen und dabei die inzwischen sehr schlecht erhaltene Schlange trompetenförmig aus Zement zwischen beide Säulen gelegt. Ihre ursprüngliche Länge von 1,30 Meter behielt sie dabei. So überdauerte sie auch die Bombenangriffe auf Rostock, denn im Wesentlichen blieb das Rathaus (wegen der Schlange?) mit Ausnahme des spätgotischen Ratsstubenbaus erhalten, während ringsum die meisten Häuser in Schutt und Asche fielen.

Bis 1989 veränderte sich das Aussehen des Beton-Tierchens sehr zu seinem Nachteil. Da im Volksmund das Reptil auch als Aal gehandelt wurde, hatte man wohl in diesen Zeiten wenig Wert darauf gelegt, Werbung für den damals seltenen Fisch zu machen. Seit Dezember1993 war es wieder ganz sicher eine Schlange (eine Kreuzotter?) – erstmalig aus wetterbeständiger Bronze - aber schon bald wieder ohne die gespaltene Zunge. 1997 wurde die Schlange aus ihrer Halterung gerissen und blieb verschollen (und fand sich dann Jahre später wieder an). Die Rostocker Volks- und Raiffeisenbank sponserte 1998 eine Neuanfertigung. Idee, Projektleitung: Dr. Hartmut Schmied. Der Kunstformer Erhard John formte als Novum ein Fabelwesen: eine Schlange mit Aalschwanz. Somit wurden zwei Legenden vereint. Die Zunge des Bronzetieres zeigt außerdem eine römische Fünf – es ist bereits die (mindestens) fünfte Schlangen-Generation am Rathaus. Die neue Schlange wurde 1998 am Stadtgeburtstag (24. Juni – Johanni) auf den Namen Johannes getauft. Ihren Kopf zu streicheln, soll Glück bringen.

Aal oder Schlange? Das hat die Gemüter angesichts des meist desolaten Zustandes immer wieder erregt. Der Volksmund erzählte, dass dieser Aal das Normalmaß für Aale war, denn in der Nähe der Säule hatten die Spickaalverkäuferinnen des neuen Marktes ihre Stände. Eine andere Erklärung bringt diesen Aal mit einer angeblichen Sturmflut des Jahres 1841 in Verbindung. Ein Aal blieb danach beim Rückgang des Wassers zwischen den Säulen hängen. Von solch einer Flut, der Marktplatz liegt 16 Meter über dem Normalwasserstand der Warnow, wäre sicher eine Flut schriftlicher Quellen erhalten geblieben.

Der Pflasterstein mit der Jahreszahl 1841 (Neupflasterung des Marktes) lag ursprünglich zwischen den beiden südlichsten Säulen des Rathausvorbaus und war Anlass für eine weitere nette aber unbeweisbare Schreibtischthese. In diesem Jahre wurde die alte Wasserkunst auf dem Neuen Markte entfernt und der gusseiserne Springbrunnen montiert. Dabei hätte es gut eine Überschwemmung geben können, die Aalverkäuferinnen und ihre „Schützlinge“ wären in helle Aufregung geraten – und wieder wären Aale ums Rathaus geschwommen. Der 1841er Stein liegt heute ebenerdig unmittelbar unter der Schlange.

Interessanter schon die Möglichkeit, dass die „Aal-Schlange“ den Handwerksburschen als Wahrzeichen gedient haben könnte. Wer wirklich in Rostock auf seiner Wanderschaft war, musste diese Schlange gesehen haben und beschreiben können. Ein Hausgeist in Schlangengestalt, wie in mecklenburgischen Sagen, darf nicht ausgeschlossen werden, da der Schlange viel Gutes angedichtet wird und die Stadt stets des Guten bedarf. Da hinter der Säule sich der Ratsweinkeller befindet, wird die „Schlange in Branntwein“ als abergläubisches Mittel gegen Trunksucht ausgeschlossen. Es wäre eine Selbstverspottung gewesen.

Favorisiert wird von Dr. J. Becker die Schlange als Symbol für Klugheit. Der Baumeister des barocken Rathausvorbaus Zacharias Voigt könnte sie danach angebracht haben. Mit diesem Neubau wurde das alte Gemälde „Christus als Weltenrichter“ (um 1300) von dem neuen Bild der „Justitia“ (Öl, um 1750) neben dem Eingang zum Ratskeller überdeckt. Damit mussten die Ratsherren zwischen der wachsamen und klugen Schlange und der mahnenden Justitia zu ihren Sitzungen gehen.

Baumeister waren aber meist selbst kluge Leute und wussten, wie lange Baumaterialien hielten und wo Symbole gut zu platzieren waren. Mit größter Wahrscheinlichkeit wurde die erstmalig 1882 beschriebene „Kalkmasse“ im 19. Jahrhundert schnell und mit einfachen Mitteln montiert. Vermutlich befand sich das Tier nie in einem guten Erhaltungszustand. Volkskundler, Kunsthistoriker und Historiker wandeln möglicherweise seit Jahrzehnten auf falschen Spuren. Doch bis zum 800. Geburtstag der Stadt Rostock im Jahre 2018 sollte der „Täter“ gefunden sein.

Guter Sicht-Standort: Rostocker Rathaus am Neuen Markt, Rathausvorbau, Mitteleingang zwischen den Säulen unter dem Greif, nördliche Doppelsäule links, auf dem Sockel

Bild: 1:1-Entwurf der Rathausschlange von Kunstformer Erhard John
aus dem Jahre 1998
Text, Foto: Dr. Hartmut Schmied, www.hartmut-schmied.com

Weitere Sagen und Legenden zu Rostock und Umgebung in: Hartmut Schmied, Geister, Götter, Teufelssteine. Sagen- und Legendenführer Mecklenburg-Vorpommern, Hinstorff Verlag, Rostock 2011 (Verkauf in der Tourist-Information) und unter www.cryptoneum.de (CRYPTONEUM Legenden-Museum Rostock)

Adresse & Kontakt

Die Rathausschlange
Neuer Markt 1
18055 Rostock


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