Der Mann mit dem Rundbrot am Rostocker Steintor

Der Mann mit dem Rundbrot am Rostocker Steintor

Aus unerklärlichen Gründen wurde in vergangenen Jahrhunderten die Jahreszahl am Steintor gewechselt. Der „Mann mit dem Rundbrot“ gibt Rätsel auf.

Mit erhobenem Zeigefinger wurde im Jahre 1859 im Sagenband von Albert Niederhöffer eine Episode aus der Rostocker Stadtgeschichte für die Nachwelt festgehalten. Eingeleitet wird die Sage mit der Beschreibung der Stadtinnenseite des Steintores: „Über der Inschrift befindet sich dann noch das Brustbild eines Mannes, der gleich zum Schutze mit der Linken einen runden Schild vor sich hält. Zu seinen Seiten steht endlich getheilt die Jahreszahl 1314.“ Heute steht dort die Jahreszahl „1576“. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Im Jahre 1859 schrieb man: „Gegen das Jahr 1314 hatte Rostock, wie damals häufig, Krieg. Die Feinde hatten die Stadt schon lange und vergeblich belagert. Sie konnten sie nicht überwältigen, und auch das Aushungern wollte nicht recht gehen. Da nahm man zum Verrathe seine Zuflucht, und zwar war es einer der Bürgermeister, der sich durch das Gold der Fremden blenden ließ. Er beging das Bubenstück und überlieferte die Stadt, indem er ihre Blöße verrieth, den Feinden. Die Sache war fein genug angelegt, kam aber doch an das Tageslicht. Und als die Rostocker nach außen hin Frieden hatten, ergriffen sie den Verräther und sperrten ihn ein.

Damals bestrafte man oft geringe Vergehen sehr hart; und so ist es leicht erklärlich, dass man hier nicht bloß hart, sondern grausam verfuhr. Man schleppte den Unglücklichen nach dem Mauerthurme unweit des Steinthores – hinter den Häusern an der neuen Wallstraße – und schloss ihn hier in schwebender Stellung vermittels Hals-, Arm-, Brust- und Fußeisen also an, dass er nur die Hände zum Mund bewegen konnte. So quälte man ihn jämmerlich und langsam zu Tode; denn zur täglichen Nahrung ward ihm nur ein Schillingsbrod – Rundbrod – und ein wenig Wasser gereicht.

Das Bild soll hier dann späterhin zur Warnung für Jedermann angebracht sein, und will man an demselben auch die Hals- und Armeisen erkennen. Den Schild aber hält man für ein Abbild des Rundbrodes.“

Nach dem Niederreißen des Tores im Jahre 1566 auf Befehl des mecklenburgischen Herzogs Johann Albrecht fiel der Neubau des ursprünglich um 1270 errichteten Steintores in die Jahre 1574/77. Der Stadtchronist Vicke Schorler malte in seine Steintorzeichnung, die im Jahre 1582 entstand, ebenfalls die „1576“ neben den deutlich erkennbaren Mann mit Rundbrot. (Als etwa 18jähriger begann Schorler, der Zeitgenosse des Steintorbaus, im Jahre 1578 mit der zeichnerischen Darstellung seiner Heimatstadt auf der inzwischen berühmten fast 19 Meter langen Bildrolle.)

Somit ist die Jahreszahl „1576“, wie allgemein üblich, ein Hinweis auf das Baujahr des neuen Steintores. Das Rundbrot-Motiv könnte vom mittelalterlichen Vorgängerbau übernommen worden sein. Im 19. Jahrhundert stand die Jahreszahl „1314“ an der Nordseite des Tores. Die Erinnerung an dieses Ereignis scheint noch lebendig und wird 1859 erzählt. Zwischen 1576 und 1859 muss die Zahl korrigiert und der Zusammenhang zwischen Relief, Jahreszahl und Historie hergestellt worden sein. Gut möglich, dass dieses erst im 19. Jahrhundert – einem Zeitraum intensiver Beschäftigung mit der Stadtgeschichte passierte.

Bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts zeigen Fotos des Steintores die „1314“, das Jahr der Beendigung der innerstädtischen Kämpfe um Heinrich Runge unter Beteiligung Dänemarks und des mecklenburgischen Herzogs Heinrich von Mecklenburg. Ende der dreißiger Jahre erfolgten Reparaturen am Steintor. 1939 erschien im Hinstorff Verlag die gedruckte Vicke-Schorler-Rolle. Gut möglich, dass unter dem Eindruck dieses einmaligen Dokumentes aus dem 16. Jahrhundert nun wieder die ursprüngliche Jahreszahl „1576“ angebracht wurde.

Nach der Bombardierung im April 1942 brannte das Steintor bis auf die vier Grundmauern aus. Beim Wiederaufaufbau Anfang der 50er Jahre wurde die „1576“ erneuert und auch weitere Plastiken und Schriften restauriert.

Da die 1314 nicht die ursprüngliche Jahreszahl war, konnten die Sagen(auf)schreiber des 19. Jahrhunderts sehr wohl zur Legendenbildung, aber nicht zur Aufklärung des Abbildes, beitragen.

Guter Sicht-Standort: Nord- bzw. Stadtinnen-Seite des Steintores in der Steinstraße nahe des Rathauses.

Bildunterschrift: Mann mit dem Rundbrot bei Nacht am Rostocker Steintor
Text, Foto: Dr. Hartmut Schmied, www.hartmut-schmied.com

Weitere Sagen und Legenden zu Rostock und Umgebung in: Hartmut Schmied, Geister, Götter, Teufelssteine. Sagen- und Legendenführer Mecklenburg-Vorpommern, Hinstorff Verlag, Rostock 2011 (Verkauf in der Tourist-Information) und unter www.cryptoneum.de (CRYPTONEUM Legenden-Museum Rostock)

Adresse & Kontakt

Der Mann mit dem Rundbrot am Rostocker Steintor
Steinstraße
18055 Rostock


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