Die Geschichte der Hansestadt

Geschichte der Hansestadt Rostock

In den acht Jahrhunderten seiner Geschichte war Rostock stets die mächtigste und fortschrittlichste Kommune Mecklenburgs, nie aber seine Hauptstadt. Immer noch ist die ebenso traditionsbewusste wie dynamische Universitäts-, Werft- und Hafenstadt die unangefochtene Nummer eins in Mecklenburg-Vorpommern. Das gilt erst recht für den Tourismus. Da kann man das Regieren im Land getrost den Schwerinern überlassen.

Auf Schritt und Tritt begegnen aufmerksame Besucher der glorreichen Geschichte dieser einst so reichen Stadt. Ihren sagenhaften Aufstieg verdankte sie - man glaubt es kaum – gehopftem Bier und gesalzenem Fisch. In ungeheurer Dimension und weithin gerühmter Qualität wurden der Gerstensaft und das Grätenvieh in Tonnen gefüllt und verschifft. Im gesamten Ostseeraum erzielten die Rostocker Kaufleute vor allem mit diesen beiden Exportschlagern märchenhafte Gewinne. Um den Handel sicherer zu machen, gründeten sie mit Kaufleuten aus anderen Hafenorten im 12. Jahrhundert eine Schutzgemeinschaft – die Hanse. Später schmiedeten sie daraus eine Städte-Union und ein unschlagbares Handelsimperium. Gemeinsam agierten die verbündeten Bürgermeister wie ein Staat im Staate, mit eigenen Gesetzen und Gesandten an allen Höfen. Und mit einer Flotte, die als eine der größten und modernsten der Welt galt. Das junge Rostock wuchs dabei besonders schnell. Generalstabsmäßig bauten die Bürger ihr Gemeinwesen nach den Bedürfnissen des Handels aus. Mit einem gitterförmigen Straßennetz, großen Märkten in Hafennähe, breiten Hauptstraßen sowie mit mächtigen Wällen, Brücken, Mauern und Toren. Vieles blieb erhalten und zeugt heute noch vom durchdachten Vorgehen der Gründerväter. So unerhört war diese Entwicklung, dass Rostock nur 150 Jahre nach der Stadtrechtsbestätigung (im Jahr 1218) mit 14.000 Einwohnern als eine der größten, reichsten und fortschrittlichsten Metropolen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation galt. Bis zu 370 Schiffe segelten unter städtischer Flagge. Auch innerhalb der Hanse war die Kommune stets ein Schwergewicht, oft sogar ihr Spitzenreiter. Als der Handel brummte und die Kasse klingelte, kauften die Ratsherren kurzerhand einen ganzen Ort hinzu. Warnemünde war zwar nur ein windschiefes Fischerdorf, aber es lag an der strategisch wichtigen Warnowmündung und damit vor Rostocks Hafeneinfahrt. Als Nächstes verleibte sich die Stadt den riesigen Wald vor ihren Toren ein. Aus seinem Holz entstanden alsbald die modernsten See- und Kirchen-Schiffe jener Zeit. Aber keine Bange - die Rostocker Heide wurde gut gepflegt und eignet sich heute bestens für erholsame Stunden.

Die gotischen Giganten, die seither den Himmel unserer Stadt beherrschen, waren die damals kompliziertesten, teuersten und innovativsten Gebäude überhaupt. Und zum Teil sogar ihre höchsten. Mit dem Bau der Nikolaikirche begann man 1230. Für Aufsehen sorgte - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht nur ihre Ausführung als eine der ersten gotischen Hallenkirchen Nordeuropas, sondern vor allem ihr 132 Meter hoher Turm. Auf der ganzen Erde kam seinerzeit nicht einmal ein halbes Dutzend Bauwerke den Wolken noch ein Stück näher. Im Dezember 1703 jedoch, nur wenige Jahrzehnte nach seiner Vollendung, riss ein Orkan den Gipfelstürmer vom Sockel. Nie wieder wurde er voll hochgezogen.

Anders die Petrikirche. Obwohl ihr Turm mehrfach und zuletzt im Feuer des Zweiten Weltkriegs zu Bruch ging, blieb sie nie lange kopflos. Auch die aufgeklärten Rostocker des 20. Jahrhunderts mochten sich mit dem fehlenden Zacken in ihrer Krone nicht abfinden. In schwieriger Zeit brachten sie innerhalb von drei Jahren 6,3 Millionen Mark Spenden auf und verhalfen ihrer Kirche und ihrer Stadt am 12. November 1994 mit einem kupfernen Turm wieder zu alter Größe. Mit 117 Metern steht dieses Monument der Kühnheit und des Optimismus heute immerhin auf Platz 25 der Weltrangliste, wobei die anderen Spitzenreiter meist weder aus Backstein noch aus dem Mittelalter sind.

In Sichtweite der Petrikirche liegt das Katharinenstift. Das einstige Franziskaner-Kloster aus dem 13. Jahrhundert war längst dem Untergang geweiht und nur noch eine Ruine. Doch seit dem Jahr 2001 erfüllt die Hochschule für Musik und Theater den andächtigen Ort mit neuem Leben. Dafür wurde der Komplex gründlich saniert und um zeitgemäße Gebäudeteile ergänzt. Altes und neues Gemäuer gehen hier eine hinreißende Verbindung ein. Sie bieten neben viel Historie und kreativer Atmosphäre supermoderne Konzert und Theatersäle, digitale Studios sowie eine Bibliothek. Über 500 Studenten der HMT aus der ganzen Welt bereichern fast täglich den Rostocker Kulturkalender, denn zahlreiche Proben und Konzerte sind öffentlich. Viele Absolventen der renommierten Talentschmiede gehören inzwischen zur internationalen Elite, darunter die umjubelte Geigerin Baiba Skride.

Nur wenige Schritte vom Stift entfernt thront die Marienkirche. Auch sie war ihren Zeitgenossen weit voraus. Wegen ihrer kolossalen Masse, ihrer kühnen Konstruktion und der astronomischen Uhr aus dem Jahr 1472. Ihr Kalender blickt vertrauensvoll bis ins Jahr 2017 und ihr Laufwerk tickt immer noch völlig richtig - weltweit als einziges aus jener Epoche. Und als wäre inzwischen nicht eine halbe Ewigkeit vergangen, grüßen Schlag zwölf wie eh und je die Apostel mit Umgang und Glockenspiel. Große Geschichte weht durch die bauchige Basilika, wenn hier alljährlich die Studienanfänger feierlich immatrikuliert werden. Schließlich gründete der Rostocker Rat hier mit päpstlichem Segen anno 1419 Nordeuropas erste Universität. Der Stadt trug das nicht nur Ansehen, sondern fortan auch ein reges geistiges Klima ein. Wissenschaftler und Studenten forschten bereits früh unter Wasser und auf dem Acker, im All und im Atom. In Rostock hoben die ersten Düsenflugzeuge ab. Zu allen Zeiten liefen hier die weltweit modernsten Schiffe vom Stapel. Heute werden in der Stadt die größten Dieselmotoren und die besten Windgeneratoren Europas gebaut. Rostocker Forscher arbeiten an Raumfahrt-Projekten mit und entwickeln künstliche Organe.

Über 14.000 Studenten lernen an der Alma Mater. Einst saßen in ihren Hörsälen der Humanist Ulrich von Hutten, der Astronom Tycho Brahe, der Universalgelehrte Joachim Jungius, der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter, der Maschinenbauer Ernst Alban, der Volkskundler Richard Wossidlo und der Schriftsteller Uwe Johnson. Der Troja-Entdecker Heinrich Schliemann und der Waldorfpädagoge Rudolf Steiner promovierten hier. Mehrere Wissenschaftler holten Nobelpreise nach Rostock. Albert Einstein verdankt der Universität seine erste Ehrendoktorwürde und die einzige aus Deutschland überhaupt. Walter Kempowski verbrachte seine Kindheit und Jugend in Rostock. Sein Werk und einen Teil seiner Sammlungen beherbergt das Kempowski-Archiv. Es befindet sich in einem der alten Häuser zwischen dem repräsentativen Hauptgebäude der Universität und dem Kloster zum Heiligen Kreuz. In der lauschigen Oase an der Stadtmauer waren einst Nonnen des Zisterzienserordens zu Hause. Jetzt zeigt dort das Kulturhistorische Museum Schätze aus vielen Jahrhunderten. Darunter auch einen Splitter vom Kreuz Jesu Christi. Die dänische Königin Margarete hatte die kostbare Reliquie vom Heiligen Vater erhalten. Auf dem Rückweg von ihrer Pilgerreise geriet sie 1270 vor Rostock in schwere See. In höchster Not schwor die Monarchin, dort ein Kloster zu stiften, wo sie sicher an Land käme. Zeitgleich mit den sakralen Bauten entstanden die mächtigen Stadtbefestigungen mit dicken Mauern, hohen Wällen und massigen Toren. Auch dabei wollten die Rostocker wieder besonders hoch hinaus. Ihr Kröpeliner Tor misst 47 Meter und sucht im Norden seinesgleichen. Das kleine, aber sehr wuchtige Kuhtor stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist das älteste erhalten gebliebene Stadttor des Landes. Sehenswert auch der Lagebuschturm auf dem kurzen Weg zum Steintor und die sich anschließenden Wallanlagen. Das letzte erhaltene Hafentor ist das Mönchentor, das 1806 seine klassizistische Gestalt erhielt.

Nach den huldvollen und den schutzbietenden Bauwerken beeilten sich die Bürger zu demonstrieren, was der Macht des Glaubens auf dem Fuße folgt. Sie bauten sich ein Rathaus mit sieben Türmen und einer Schauwand aus Backstein. Sie wurde später mit einem barocken Laubengang und sieben Bögen versehen. Bald errichteten sowohl die Patrizier als auch wohlhabende Handwerker reihenweise schmucke Backsteinhäuser mit Treppengiebeln. Zu den Prachtexemplaren zählen das reich verzierte Kerkhoff-Haus (Standesamt), das Ratschow-Haus (Stadtbibliothek) und das Hausbaumhaus.

Selbst reine Speicher- und Wirtschaftsgebäude erhielten mitunter aufwändige Backstein-Fassaden. Ganz so finster, wie gemeinhin behauptet, kann das Mittelalter hier jedenfalls nicht gewesen sein. Im Gegenteil: Es erweist sich als eine der produktivsten und schöpferischsten Epochen der Stadt, als eine Zeit, in der Rostock europäische Kulturgeschichte schrieb. Auch wenn Renaissance und Barock ihre Spuren in der wohlhabenden Stadt hinterließen - die Backsteingotik blieb tonangebend. Im 19. Jahrhundert erlebte sie sogar eine zweite Blüte. Schulen, Kasernen, Postämter, Gerichtsgebäude, Kirchen - die meisten öffentlichen Gebäude sowie Speicher und Fabrikhallen erhielten Spitzbögen und Backstein-Dekor. Herausragender Vertreter der Neogotik ist das über alle Maßen schöne Ständehaus.

In den 1950er Jahren entstand mit der Langen Straße sogar ein ganzer Straßenzug mit Kaufhaus und Hochhäusern in deutlicher Anlehnung an die Backsteinzeit. Und auch in unseren Tagen greifen Architekten auf Altbewährtes zurück. Zum Beispiel im alten Stadthafen. Die kilometerlange Bummelmeile wechselt wöchentlich ihr Gesicht. Mal ist sie einsamer Spazierweg am Wasser, mal turbulente Partymeile mit viel Rummel. In diesem einmaligen Ambiente eröffneten in den letzten Jahren zwei Dutzend Kneipen und Restaurants, drei Bühnen und mehrere Geschäfte. Hier machen schmucke Yachten fest und die Fahrgastschiffe aus Warnemünde. Während der Hanse Sail im August gesellen sich dann noch Hunderte Traditionssegler und Hunderttausende Besucher hinzu.