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Hier bleibt man gerne sitzen – im Landschulmuseum Göldenitz
Beitrag von Johanna Reinsch
Veröffentlicht am
Hier bleibt man gerne sitzen
im Landschulmuseum GöldenitzAm 12.06.1976 - ganz bewusst am Tag des Lehrers - öffnete das Landschulmuseum Göldenitz seine Türen. Wir haben uns auf eine Reise in das 19. Jahrhundert begeben - in die Zeit von 1880 bis 1963, in der das heutige Museum noch Schulklassen beherbergte. 2026 begeht das Museum sein 50-jähriges Jubiläum. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.
Bei dem Gedanken an die Schulzeit, verfallen Erwachsene in der Regel in zwei Extreme: Freude oder Panik. Wir alle haben unsere ganz eigenen Erfahrungen gemacht – von Lachen auf dem Pausenhof bis Mobbing auf dem Schulflur. Die Rezensionen des Landschulmuseums Göldenitz hingegen lesen sich nicht wie Fingernägel auf der Tafel, sondern vielmehr wie eine Eins im Klassentest. Hier wird die Zeitreise in die Kindheit auf eine so herzliche Art zelebriert, dass man gern wieder für ein Weilchen die Schulbank drückt.
Von der Schule...
Denkt man an die Erzählungen der Ur- oder Großeltern zurück, sieht man barfüßige Kinder in ordentlicher Kleidung in ein backsteiniges Gebäude laufen. Mit diesem lebhaften Bild vor meinem geistigen Auge stehe ich vor dem denkmalgeschützten Schulmuseum mit der grünen Holztür und den historischen Kastenfenstern. Mich begrüßen bunte Blümchen im Vorgarten, eine Buchenhecke, die schon seit 100 Jahren das Grundstück säumt und zwei prachtvolle Linden, die den Eingang flankieren. Ich frage mich, ob es auch im Inneren des Gebäudes, auf dessen Fassade in großen Lettern „Schule“ steht, so freundlich weitergeht, oder ob man im Angesicht seiner Erinnerungen lieber den Rückwärtsgang einlegt. Doch Ersteres ist klar der Fall, nicht zuletzt Dank des herzlichen Empfangs durch die Museumsmitarbeiterin. Sie führt mich nicht nur durch die heiligen Hallen, sondern erzählt mir auch die Hintergründe zum heutigen Landschulmuseum.
Der Backsteinbau wurde 1880 errichtet und galt seinerzeit als sehr fortschrittliche Landschule - mit vornehmer Lehrerwohnung und separatem Schulzimmer. Das Schulhaus war ausschließlich den Göldenitzer Kindern vorbehalten - im Nachbarort Schlage, einen Steinwurf entfernt, war bereits die nächste Bildungseinrichtung zu finden. Auch damals bestand bereits die Schulpflicht bis zum 14 Lebensjahr, doch war das Leben und Lernen seinerzeit ein gänzlich anderes. Während heutige Generationen auf digitale Geräte starren und tippen, haben Kinder im Schulunterricht des 19. Jahrhunderts das Schreiben mit Schiefertafel und Griffel erlernt. Mit der Schönschrift erfolgte dann der Übergang zu Papier, Tinte und Federhalter. An letzterem war übrigens erkennbar, welchen Stand die jeweilige Familie innehatte: Kinder von Tagelöhnern schrieben mit einer selbst erstellten Feder aus Schilfrohr, die Sprösslinge der Mittelschicht und wohlhabender Bauern hielten eine Gänsefeder in den Händen und der Nachwuchs der Gutsherren konnten eine Stahlfeder ihr Eigen nennen. Doch für alle Kinder galt im Unterricht - sowie auch außerhalb - dieselbe Regel: Gehorsam.
Die Geschichte der Schultüte
Der Brauch der Schultüte lässt sich eindeutig bis in das Jahr 1810 zurückverfolgen, teilweise existieren noch ältere Quellen. Die Tradition wurde im Osten Deutschlands begründet, wo Anfang des 19. Jahrhunderts bereits Schulkinder sogenannte „Zuckertüten“ am ersten Schultag erhielten – die Sprösslinge an der Göldenitzer Landschule bekamen zumeist jedoch nur einen Apfel. Gefüllt mit Naschwerk und Trockenfrüchten, sollte der erste Schultag „versüßt“ werden. Nachweislich erhielten die Kinder ihre Zuckertüten anfangs noch vom Schulmeister, der diese vom „Zuckertütenbaum“, der einer Legende nach in jeder Schule wächst, pflückte.
„Lammfromm“ ist ein Begriff, der hier passt wie die Faust aufs Auge, sogar in zweierlei Hinsicht. Nicht nur, dass die Kinder artig und folgsam zu sein hatten, die Einschulung erfolgte seinerzeit tatsächlich zu Ostern. Im 19. Jahrhundert kannte vermutlich noch jedes Kind die Bedeutung des Festes, schließlich war der Schulunterricht weitgehend religiös geprägt. Neben Liedern und Gebeten stand unter anderem aber auch Rechnen, Lesen, Schreiben und Geschichte auf dem Stundenplan. 30 bis 40 Kinder – von der 1. bis zur 8. Klassen – lernten gemeinsam, früher vor allem noch viel auswendig. Kinder ab dem 12. Lebensjahr durften parallel zur Schule bereits Mitverdiener werden. Als sogenannte Dienstkinder begann ihr Tag - so wie der aller älteren Kinder - mitten in der Nacht. Im Haushalt helfen, zur Schule gehen, Arbeit verrichten – heute kaum noch vorstellbar, genauso wenig wie die Ferienzeiten zur Erntearbeit aufzuwenden. Damals aber gang und gäbe.
Woher kommt eigentlich die Bezeichnung „Sitzenbleiben“? Schon gewusst?
Die Wendung stammt aus jener Zeit, in der einklassige Schulen an der Tagesordnung waren. Die Jahrgänge saßen auf Holzbänken aufsteigender Folge hintereinander. Schülerinnen und Schüler, dessen Leistung in einem Schuljahr zu schwach war, wurden nicht in die nächsthöhere Klasse, beziehungsweise eine Reihe nach hinten versetzt – sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „sitzen geblieben“.
...zum Museum
Heute beleuchtet die ehemalige Schule als einzigartiges Museum die Geschichte hinter der Lehrerfamilie Bell, die hier einst lebte und arbeitete. Heinrich Georg Hermann Friedrich Bell bewohnte mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern die Räumlichkeiten. Neben der Tätigkeit als Lehrer war Bell gleichzeitig Kleinbauer, besaß Scheune, Weide und Acker. Der Grund und Boden gehörte seinerzeit als Anreiz zur Stelle. Während der Herr des Hauses die Gesamtheit der Unterrichtsfächer lehrte, war die Dame des Hauses für Haushalt, Garten und Versorgung zuständig. Die strikte Rollenverteilung erlaubte es in jenen Tagen noch nicht, dass auch Frauen als Lehrerinnen tätig waren – Ausnahmen bildeten hierbei die als typisch weiblich definierten Handarbeiten wie Sticken und Nähen. Bell war im Verhältnis zu einigen Zeitgenossen ein weniger strenger Lehrer, so war er kein Freund des Rohrstocks.
„Wer nicht hören will, muss fühlen“ war ein Idiom, das im 19. Jahrhundert zum Alltag eines Kindes gehörte, auch in der Schule. Schummeln und Flunkern aber auch unvorbereitet sein oder unordentlich erscheinen, hatten in der Regel Schläge auf die Hände zur Folge. Bedenkt man, dass die Kinder vor ihrem Gang zur Schule bereits im Haus und auf dem Hof geholfen haben, erschien gerade letzteres als besondere Herausforderung. Dennoch verhängte bestimmt auch Bell Strafarbeiten für Verfehlungen, zum Beispiel im Garten arbeiten, Wäsche waschen oder auch die Toilette reinigen. Neben der Lehrerwohnung und dem Schulzimmer, können gegenwärtig auch die Scheune und der Garten besichtigt werden. Während die „gute Stube“ sowie Arbeits-, Kinder- und Schulzimmer originalgetreu eingerichtet sind, ist der Garten ein naturnahes und idyllisches Fleckchen Erde für nostalgische Picknicks und neuzeitliche Veranstaltungen. Im Landschulmuseum Göldenitz erlebt man ein authentisches Nachempfinden längst vergangener Zeiten - auch, wenn im Stall längst keine echten Tiere mehr zu finden sind.
Und ich wusste doch, dass ich an der Gebäudefront etwas vermisst habe. Die Schulglocke. Doch auch diese darf hier nicht fehlen. Sie hängt nach wie vor standesgemäß über dem Seiteneingang für die Schulkinder.
Kontakt:
Landschulmuseum Göldenitz
Am See 7
18196 Göldenitz
Webseite: Landschulmuseum Göldenitz